Peptid-Lexikon

Stoffwechsel

Retatrutid

Tri-Agonist an GLP-1-, GIP- und Glukagon-Rezeptoren.

Was ist das Peptid?

Retatrutid (Entwicklungsname LY3437943) ist ein synthetisches Peptid des Herstellers Eli Lilly, das erstmals gleichzeitig drei Stoffwechsel-Rezeptoren aktiviert: GLP-1, GIP und Glukagon. Diese Kombination unterscheidet es von bisherigen Wirkstoffen wie Semaglutid (nur GLP-1) oder Tirzepatid (GLP-1 und GIP) und wird derzeit als eine der potentesten Substanzen in der Adipositasforschung untersucht.

Wie funktioniert es?

Als Triple-Agonist greift Retatrutid an drei zentralen Stellschrauben des Energiestoffwechsels an. Über den GLP-1-Rezeptor wird das Hungergefühl gedämpft, vermittelt durch eine Rückkopplung zum Hypothalamus im Gehirn. Gleichzeitig wird Insulin nur bei erhöhtem Blutzucker freigesetzt – ein wichtiger Sicherheitsaspekt, da das Risiko einer Unterzuckerung gering bleibt. Der GIP-Rezeptor moduliert Insulinantwort und Fettverwertung. Die Glukagon-Achse setzt in der Leber an: Sie steigert die Ausschüttung von FGF21, verbessert die Insulinsensitivität, erhöht die Fettsäureoxidation in den Mitochondrien und wirkt so einer Fettleber entgegen. Zusätzlich hebt sie den Grundumsatz an und aktiviert braunes Fettgewebe, das Energie in Form von Wärme verbrennt (Thermogenese, geschätzt 100–200 kcal pro Tag). In Kombination führt dieser Mechanismus zu einem Gewichtsverlust, der in einer Größenordnung liegt, die bisher nur nach bariatrischer Chirurgie erreicht wurde.

Aktueller Forschungsstand

Die aussagekräftigsten Daten stammen aus dem TRIUMPH-Programm mit mehreren Phase-II- und Phase-III-Studien zu Adipositas, Typ-2-Diabetes, Fettleber (MASLD/MASH) und Kniearthrose. Bereits die Phase-II-Ergebnisse zählen zu den stärksten Werten, die in der Adipositasforschung bislang gemessen wurden. Die vollständigen Phase-III-Ergebnisse werden bis Ende 2025 erwartet, eine Marktzulassung wird für 2027 prognostiziert – ein beschleunigtes Verfahren gilt als möglich.

Studien am Menschen
  • Jastreboff et al. (NEJM 2023, n=338): Erwachsene mit Adipositas verloren nach 48 Wochen unter 12 mg wöchentlich im Mittel 24,2 % Körpergewicht, gegenüber 2,1 % unter Placebo. Die Teilnehmer trainierten dabei nicht zusätzlich. Zum Vergleich: Semaglutid erreichte in vergleichbaren Studien 14,9 % (48 Wochen), Tirzepatid in SURMOUNT-1 22,5 %.
  • Rosenstock et al. (Lancet 2023, n=281) – Vergleich gegen Dulaglutid (Trulicity) bei Typ-2-Diabetes: HbA1c-Senkung nach 36 Wochen um 1,39 % (4 mg), 1,99 % (8 mg) und über 2 % (12 mg) gegenüber 1,41 % unter Dulaglutid. 77–82 % der Probanden unter den höheren Dosen erreichten normoglykämische Zielwerte. Gewichtsverlust: bis zu 16,9 % unter Retatrutid gegenüber ~2 % unter Dulaglutid.
  • Sanyal et al. (NEJM 2024) – MASLD/Fettleber-Studie über 24 Wochen: Reduktion des Leberfetts um 42,9 % (1 mg), 57 % (4 mg), 81,4 % (8 mg) und 82,4 % (12 mg). 79 % der Patienten in der 8-mg- und 86 % in der 12-mg-Gruppe erreichten einen Leberfettgehalt unter 5 %; bei Verlängerung auf 48 Wochen stiegen diese Werte weiter.
  • TRIUMPH-4 (Phase III, n=445, 68 Wochen): Erwachsene mit BMI > 30 und Kniearthrose verloren im Mittel 29,1 kg (9 mg) bzw. 32,3 kg (12 mg), was einer Gewichtsreduktion von bis zu 28,7 % entspricht. Die Kniearthrose-Schmerzen sanken um 75,8 %, zusätzlich verbesserten sich Non-HDL-Cholesterin, Triglyceride und systolischer Blutdruck.
Tierstudien
  • Präklinische Studien an Mäusen und Ratten zeigten dosisabhängige Reduktionen von Körperfett und Leberverfettung bei gleichzeitigem Anstieg des Energieverbrauchs und verbesserter Mitochondrienfunktion in der Leber.
Erfahrungsberichte

Außerhalb kontrollierter Studien berichten Anwender in Foren und sozialen Medien von deutlichem Gewichtsverlust innerhalb weniger Wochen, zugleich aber häufig von Übelkeit, Erbrechen, Verstopfung und starker Appetitunterdrückung – besonders bei zu schneller Aufdosierung. Eine langsame Dosissteigerung sowie ausreichende Proteinzufuhr und Krafttraining zur Erhaltung von Muskel- und Knochenmasse werden regelmäßig als entscheidend beschrieben. Da Retatrutid nicht zugelassen ist, stammen viele dieser Präparate aus dem Schwarzmarkt, was zusätzliche Risiken bezüglich Reinheit und Dosierung mit sich bringt. Erwartete Marktpreise nach Zulassung liegen bei rund 600 € pro Monat.

Zulassungsstatus nach Ländern
Land / RegionStatusIndikation
USAIn ZulassungAdipositas, Typ-2-Diabetes (Phase III)
EUIn ZulassungKlinische Prüfung, TRIUMPH-Programm
DeutschlandNicht zugelassenNur im Rahmen von Studien
Ausgewählte Studien
  • Jastreboff et al. (NEJM, 2023) – Phase-II-Studie zu Retatrutid bei Adipositas.
  • Rosenstock et al. (Lancet, 2023) – Effekte bei Typ-2-Diabetes.
  • Sanyal et al. (NEJM, 2024) – Retatrutid bei Fettlebererkrankung.
  • TRIUMPH-4 (2025) – Adipositas mit Kniearthrose, 68 Wochen.
Risiken und offene Fragen

Am häufigsten sind dosisabhängige gastrointestinale Beschwerden (Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Verstopfung), die im Verlauf meist nachlassen. Unter höheren Dosen wurden zudem neu aufgetretene Dysästhesien (Missempfindungen) beobachtet, die sich in vielen Fällen mit der Zeit zurückbildeten. Ein häufig diskutierter Muskelverlust ist überwiegend Folge des starken Gewichtsverlusts selbst, nicht des Wirkstoffs – Proteinzufuhr und Krafttraining wirken dem entgegen. Sehstörungen sind sehr selten und meist auf bereits bestehende Erkrankungen wie eine diabetische Retinopathie zurückzuführen. Für einen Zusammenhang von GLP-1-Rezeptor-Agonisten mit Schilddrüsen- oder Bauchspeicheldrüsenkrebs gibt es beim Menschen keine belastbaren Belege. Langzeitdaten über mehrere Jahre stehen aus.

Häufig gestellte Fragen
Ist Retatrutid bereits zugelassen?+

Nein. Retatrutid befindet sich in Phase III und ist weltweit noch nicht als Medikament zugelassen.

Wie unterscheidet es sich von Semaglutid und Tirzepatid?+

Semaglutid wirkt nur an GLP-1, Tirzepatid an GLP-1 und GIP. Retatrutid ergänzt zusätzlich Glukagon, was den Energieverbrauch stärker anhebt.

Wie hoch war der Gewichtsverlust in Studien?+

In der Phase-II-Studie bis zu 24,2 % in 48 Wochen, in der Phase-III-Studie TRIUMPH-4 sogar bis zu 28,7 % über 68 Wochen unter 12 mg wöchentlich.

Wann ist mit einer Zulassung zu rechnen?+

Die vollständigen Phase-III-Daten werden bis Ende 2025 erwartet, die reguläre Zulassung ist für 2027 angesetzt. Ein beschleunigtes Verfahren gilt als möglich.

Was macht die Glukagon-Achse so besonders?+

Glukagon erhöht den Grundumsatz, aktiviert braunes Fettgewebe (Thermogenese, ~100–200 kcal/Tag zusätzlich) und steigert die Fettverbrennung in der Leber – ein additiver Effekt zu GLP-1 und GIP, der Ergebnisse ähnlich einer bariatrischen Operation ermöglicht.

Quellen

Wissenschaftlicher Hinweis

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